Biographien und Mentalitäten: ein neuer Ansatz international vergleichender Forschung

Peter Alheit

Research output: Chapter in Book/Report/Conference proceedingChapterAcademicpeer-review

Abstract

Grenzregionen sind nicht selten künstliche Gebilde. Das gilt in besonderem Maße für die Euroregion Neiße. Als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs entsteht hier nicht nur ein durch drei staatliche Einflusssphären bestimmtes Gebietsdreieck, das gewachsene regionale Traditionen zerstört. Durch die Zwangsumsiedlung von Millionen Menschen wächst auch eine in gewissem Sinn „künstliche“ Bevölkerung, deren jeweilige regionale Identität sich erst allmählich herausbilden kann. Wie sich also Menschen in dieser Grenzregion fühlen, wie sie sich im Laufe ihres Lebens das ursprünglich Fremde zueigen machen, wie sie mit den Eingesessenen umgehen und wie diese die Dazugekommenen behandeln, welches Verhältnis sie schließlich zu den Grenznachbarn ausbilden, hat weniger mit den „objektiven“ politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen als vielmehr mit ihrer eigenen – subjektiven – Geschichte zu tun.
Deshalb bezieht sich die international vergleichende Untersuchung zur Mentalitätsentwicklung in dem Drei-Länder-Eck der Euroregion Neiße – durchgeführt von einem deutschen Forschungsteam der Universität Göttingen, einem Team der Universität Wrocław und einem Team der Tschechischen Akademie der Wissenschaften Prag – vor allem auf Daten, die aus biographischen Erzählungen der Menschen gewonnen wurden, die in den drei nationalen Gebieten der Euroregion leben. Selbstverständlich haben wir uns auch über die wichtigsten statistischen Rahmendaten informiert. Wir kennen die Zusammensetzung der Bevölkerung, die Struktur der Industrie, wir wissen, welche Berufe ausgeübt werden und wie sich die Erwerbsstruktur verändert hat. Wir registrieren Wirtschaftskrisen und die sie begleitenden Arbeitslosenzahlen, auch die Besonderheiten der politischen Systeme, denen die Menschen während ihrer Biographie unterworfen waren. Unsere Untersuchung ist bewusst als Mehrgenerationenstudie angelegt. Wir wollen die Folgen der einschneidenden historischen Brüche des 20. Jahrhunderts genauer analysieren: die Nachwirkungen zweier dramatischer Systemwechsel nach 1945 und nach 1989. Wir wollen wissen, wie Angehörige zweier Generationen diese Brüche verarbeitet haben und wie bestimmte Erfahrungen innerhalb einer Familie weitergegeben worden sind. Vor allem interessieren uns Hintergrundorientierungen, die gerade in biographischen Erzählungen rekonstruiert werden können.
Original languageGerman
Title of host publicationLifelong learning in music in Groningen
Subtitle of host publicationa liber amicorum for Peter Mak
Place of PublicationGroningen
PublisherHanzehogeschool Groningen
Pages6-28
ISBN (Print)978-94-91090-05-9
Publication statusPublished - 2016

Keywords

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    Alheit, P. (2016). Biographien und Mentalitäten: ein neuer Ansatz international vergleichender Forschung. In Lifelong learning in music in Groningen: a liber amicorum for Peter Mak (pp. 6-28). Groningen: Hanzehogeschool Groningen.
    Alheit, Peter. / Biographien und Mentalitäten : ein neuer Ansatz international vergleichender Forschung. Lifelong learning in music in Groningen: a liber amicorum for Peter Mak . Groningen : Hanzehogeschool Groningen, 2016. pp. 6-28
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    Biographien und Mentalitäten : ein neuer Ansatz international vergleichender Forschung. / Alheit, Peter.

    Lifelong learning in music in Groningen: a liber amicorum for Peter Mak . Groningen : Hanzehogeschool Groningen, 2016. p. 6-28.

    Research output: Chapter in Book/Report/Conference proceedingChapterAcademicpeer-review

    TY - CHAP

    T1 - Biographien und Mentalitäten

    T2 - ein neuer Ansatz international vergleichender Forschung

    AU - Alheit, Peter

    PY - 2016

    Y1 - 2016

    N2 - Grenzregionen sind nicht selten künstliche Gebilde. Das gilt in besonderem Maße für die Euroregion Neiße. Als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs entsteht hier nicht nur ein durch drei staatliche Einflusssphären bestimmtes Gebietsdreieck, das gewachsene regionale Traditionen zerstört. Durch die Zwangsumsiedlung von Millionen Menschen wächst auch eine in gewissem Sinn „künstliche“ Bevölkerung, deren jeweilige regionale Identität sich erst allmählich herausbilden kann. Wie sich also Menschen in dieser Grenzregion fühlen, wie sie sich im Laufe ihres Lebens das ursprünglich Fremde zueigen machen, wie sie mit den Eingesessenen umgehen und wie diese die Dazugekommenen behandeln, welches Verhältnis sie schließlich zu den Grenznachbarn ausbilden, hat weniger mit den „objektiven“ politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen als vielmehr mit ihrer eigenen – subjektiven – Geschichte zu tun. Deshalb bezieht sich die international vergleichende Untersuchung zur Mentalitätsentwicklung in dem Drei-Länder-Eck der Euroregion Neiße – durchgeführt von einem deutschen Forschungsteam der Universität Göttingen, einem Team der Universität Wrocław und einem Team der Tschechischen Akademie der Wissenschaften Prag – vor allem auf Daten, die aus biographischen Erzählungen der Menschen gewonnen wurden, die in den drei nationalen Gebieten der Euroregion leben. Selbstverständlich haben wir uns auch über die wichtigsten statistischen Rahmendaten informiert. Wir kennen die Zusammensetzung der Bevölkerung, die Struktur der Industrie, wir wissen, welche Berufe ausgeübt werden und wie sich die Erwerbsstruktur verändert hat. Wir registrieren Wirtschaftskrisen und die sie begleitenden Arbeitslosenzahlen, auch die Besonderheiten der politischen Systeme, denen die Menschen während ihrer Biographie unterworfen waren. Unsere Untersuchung ist bewusst als Mehrgenerationenstudie angelegt. Wir wollen die Folgen der einschneidenden historischen Brüche des 20. Jahrhunderts genauer analysieren: die Nachwirkungen zweier dramatischer Systemwechsel nach 1945 und nach 1989. Wir wollen wissen, wie Angehörige zweier Generationen diese Brüche verarbeitet haben und wie bestimmte Erfahrungen innerhalb einer Familie weitergegeben worden sind. Vor allem interessieren uns Hintergrundorientierungen, die gerade in biographischen Erzählungen rekonstruiert werden können.

    AB - Grenzregionen sind nicht selten künstliche Gebilde. Das gilt in besonderem Maße für die Euroregion Neiße. Als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs entsteht hier nicht nur ein durch drei staatliche Einflusssphären bestimmtes Gebietsdreieck, das gewachsene regionale Traditionen zerstört. Durch die Zwangsumsiedlung von Millionen Menschen wächst auch eine in gewissem Sinn „künstliche“ Bevölkerung, deren jeweilige regionale Identität sich erst allmählich herausbilden kann. Wie sich also Menschen in dieser Grenzregion fühlen, wie sie sich im Laufe ihres Lebens das ursprünglich Fremde zueigen machen, wie sie mit den Eingesessenen umgehen und wie diese die Dazugekommenen behandeln, welches Verhältnis sie schließlich zu den Grenznachbarn ausbilden, hat weniger mit den „objektiven“ politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen als vielmehr mit ihrer eigenen – subjektiven – Geschichte zu tun. Deshalb bezieht sich die international vergleichende Untersuchung zur Mentalitätsentwicklung in dem Drei-Länder-Eck der Euroregion Neiße – durchgeführt von einem deutschen Forschungsteam der Universität Göttingen, einem Team der Universität Wrocław und einem Team der Tschechischen Akademie der Wissenschaften Prag – vor allem auf Daten, die aus biographischen Erzählungen der Menschen gewonnen wurden, die in den drei nationalen Gebieten der Euroregion leben. Selbstverständlich haben wir uns auch über die wichtigsten statistischen Rahmendaten informiert. Wir kennen die Zusammensetzung der Bevölkerung, die Struktur der Industrie, wir wissen, welche Berufe ausgeübt werden und wie sich die Erwerbsstruktur verändert hat. Wir registrieren Wirtschaftskrisen und die sie begleitenden Arbeitslosenzahlen, auch die Besonderheiten der politischen Systeme, denen die Menschen während ihrer Biographie unterworfen waren. Unsere Untersuchung ist bewusst als Mehrgenerationenstudie angelegt. Wir wollen die Folgen der einschneidenden historischen Brüche des 20. Jahrhunderts genauer analysieren: die Nachwirkungen zweier dramatischer Systemwechsel nach 1945 und nach 1989. Wir wollen wissen, wie Angehörige zweier Generationen diese Brüche verarbeitet haben und wie bestimmte Erfahrungen innerhalb einer Familie weitergegeben worden sind. Vor allem interessieren uns Hintergrundorientierungen, die gerade in biographischen Erzählungen rekonstruiert werden können.

    KW - biografieën

    KW - mentaliteit

    KW - sociologie

    M3 - Chapter

    SN - 978-94-91090-05-9

    SP - 6

    EP - 28

    BT - Lifelong learning in music in Groningen

    PB - Hanzehogeschool Groningen

    CY - Groningen

    ER -

    Alheit P. Biographien und Mentalitäten: ein neuer Ansatz international vergleichender Forschung. In Lifelong learning in music in Groningen: a liber amicorum for Peter Mak . Groningen: Hanzehogeschool Groningen. 2016. p. 6-28